Draghi öffnet alle geldpolitischen Schotten

Am vergangenen Donnerstag auf der Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgte deren Präsident Draghi für eine faustdicke Überraschung bei den Marktakteuren. Zunächst kündigte er an, dass die EZB den Leitzins von derzeit 0,15% um weitere 10 Basispunkte auf jetzt nur noch 0,05% absenken werde. Damit ist die klassische bzw. konventionelle Geldpolitik an der Grenze dessen angelangt, was sie leisten kann. Unter die 0%-Grenze geht es nicht, weil Privatkunden in einem solchen Fall ihr Geld von den Banken abziehen würden, um es zu Hause zu bunkern, dort erwirtschaftet man schließlich immerhin einen Nullzins. Da eine solche Politik jedoch die Banken reihenweise zusammenbrechen lassen würde, ist ein solcher Schritt praktisch ausgeschlossen. Banken allerdings, die ihre Einlagen bei der EZB lagern, müssen sogar einen negativen Zins zahlen: Der Einlagenzins beträgt -0,2%, es handelt sich also um einen Strafzins, der Banken animieren soll, statt das Geld einzulagern, dieses als Kredite zu vergeben.

Die große Überraschung auf der Pressekonferenz war jedoch nicht die Zinssenkung, sondern das, was Draghi noch ankündigte. Nachdem er bereits zuvor angekündigt hatte, die Eurozone zu retten was auch immer dafür erforderlich sei („whatever it takes“), wurde nun erklärt, dass die EZB anfangen werde, Kreditverbriefungen zu kaufen, sogenannte Asset-Backed Securities (ABS). Diesen Schritt ist die amerikanische Notenbank, die Fed, bereits vor Jahren gegangen. Mittlerweile zieht sie sich aus diesem Kaufprogramm schon wieder zurück („Tapering“). In welchem Umfang die EZB aktiv werden will, ist noch nicht bekannt. Gerüchte besagen, dass das Volumen 500 Mrd. Euro betragen werde. Andere Quellen gehen von einer oder sogar zwei Billionen Euro aus. Dies würde bedeuten, dass die EZB ihre Bilanzsumme verdoppelt.

Brisant ist die Tatsache, dass innerhalb der EZB weder das notwendige Know-How zur Verfügung steht, noch entsprechende Kapazitäten zur Durchführung des Kaufprogramms bestehen. Vor diesem Hintergrund wurde bereits für die Planung des Programmes auf die Beratungsdienste des US-amerikanischen Vermögensverwalters BlackRock zurückgegriffen. Denkbar wäre auch, dass der Finanzkonzern letztlich auch mit der Durchführung des Programmes betreut wird, was allerdings mit Sicherheit herbe Kritik nach sich ziehen würde. Hintergrund hiervon ist, dass es sich bei BlackRock schon jetzt um den größten Finanzkonzern der Welt handelt, der vielen Branchenkennern schon als zu mächtig gilt. Außerdem besteht die Gefahr, dass es zu Interessenskonflikten mit anderen Unternehmensbereichen kommt, wenn BlackRock tatsächlich die Papiere erwerben soll. Zwar sollen für die Papiere gewisse Mindeststandards gelten, damit die EZB nicht nur Ramsch in ihre Bilanz holt, doch wird sie es sich nicht leisten können allzu wählerisch zu sein. Der Markt für ABS-Papiere ist in Europa bei weitem nicht so groß wie in den USA: Will die EZB daher Käufe in der kolportierten Größenordnung durchführen, muss sie auch qualitativ niedrigere Papiere erwerben, weil es schlicht nicht genug hochwertige gibt.

Der unsteriliserte Ankauf von Wertpapieren, das heißt die in den Markt injizierte Liquidität wird nicht an anderer Stelle wieder abgeschöpft, wird von Volkswirten als Quantitative Lockerung („Quantitative Easing“, QE) bezeichnet. Zwar vermeidet die EZB diese Begrifflichkeit und spricht lieber von Credit Easing, doch handelt es sich im Prinzip um nichts anderes. Gerade in der deutsche Öffentlichkeit ist QE nicht wohl gelitten, bedeutet es schließlich nichts anderes als die Rotation der Notenpresse auf Hochtouren. Angelsächsische Analysten und Volkswirte bejubeln die von der EZB angekündigten Maßnahmen, während die traditionell eher stabilitätsorientierten deutschen Wirtschaftswissenschaftler fassungslos sind. Der Chef des Münchener ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, kritisierte bereits, dass die EZB damit ihr Mandat überschreite, weil die Übernahme von Risiken aus der Privatwirtschaft in dieser Form eine fiskalische, nicht aber eine geldpolitische Maßnahme darstelle. Auch Draghi selbst machte deutlich, dass die Entscheidung im EZB-Rat nicht einstimmig gefallen war. Damit dürfte klar sein, dass der Chef der  Bundesbank, Jens Weidmann, wieder einmal gegen die weitere Lockerung der Geldpolitik votiert haben dürfte – und überstimmt wurde.

Manche Volkswirte sehen die Gefahr, dass der Kauf von ABS-Papieren erst der Auftakt zu noch größeren Kaufprogrammen durch die EZB darstellt. So wäre es denkbar, dass die Notenbank ihr Programm auch auf Staatsanleihen ausweitet und dann beginnt, die Eurostaaten direkt über die Druckerpresse zu finanzieren – etwas, das ihr nach den EZB-Verträgen eigentlich verboten ist. Andererseits wurde im Zuge der sog. Eurorettung bereits so viel recht gebrochen, dass das sicherlich auch keine allzu große Hemmschwelle mehr darstellen dürfte. Die Folgen der Niedrigzinspolitik sehen wir bereits heute am deutschen Immobilienmarkt. Schon seit Jahren befinden sich die Preise der Objekte hierzulande in einem steilen Aufwärtstrend. Mit der weiteren Öffnung der geldpolitischen Schleusen dürfte sich dieser Trend weiter beschleunigen – irgendwo muss das Geld schließlich hin. Für Anleger bedeutet diese strikte Inflationierungspolitik, dass Sachwerte eine wichtige Position des Portfolios darstellen sollte. Anders als Geldwerte wie Anleihen verfügen Sachwerte, das sind beispielsweise Immobilien, Rohstoffe oder Aktien, über einen gewissen Inflationsschutz.